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Egon…
Tief unter der Erde steht
ein Haus.
Es steht auf einer Lichtung umringt von Bäumen. In
diesem Haus lebt der Waldschrat Egon. Egon ist ein
hässlicher Kerl, er ist so hässlich, dass er deswegen
unter der Erde leben muss. Auf der Erde würden
alle vor ihm weglaufen. Er hat es erlebt und er war
sehr schnell ein paar Etagen tiefer gezogen, damit
er das Grauen und das Erschrecken, dass in die
Augen der Menschen trat, wenn sie ihn erblickten,
nicht mehr ertragen musste.
Jetzt lebt er hier. Ist soweit ganz zufrieden mit sich
und dem Ort, den er sich ausgesucht hat, um dort
zu leben. Er hat sein Auskommen. Es wachsen
genug Pflanzen und Früchte um davon jeden Tag
satt zu werden. Ein Brunnen vor dem Haus versorgt
ihn mit frischem Wasser. Die Bäume spenden ihm
Schatten und wenn es kalt ist Holz für seinen Ofen.
Bäume sterben nämlich auch, genauso wie
Menschen. Das verblüffende daran ist nur, die
Bäume sterben in der Regel nicht voll und ganz. Sie
haben doch tatsächlich die Möglichkeit, wie soll er
es sonst verstehen, ein wenig zu sterben. Er hat es
erlebt oben, bei den Menschen. Stirbt ein Mensch,
so stirbt er ganz und gar. Und da er selbst zwei
Beine und zwei Arme, einen Kopf und einen Bauch
hat, geht er davon aus, dass es bei ihm genauso
sein wird, wenn er einmal stirbt. Nun, wie gesagt,
bei den Bäumen ist das anders.
Wie anders, anders ?
Da funktioniert das so: Er läuft
durch den Wald auf der Suche
nach trockenem Holz. Hebt hier und
da abgestorbene Äste auf. Sieht hoch zu dem
großen Baum und kann nicht erkennen, an welcher
Stelle der Ast abgefallen sein könnte. Besonders im
Frühling ist das herrlich anzusehen. Nach einem
kalten langen Winter läuft er besonders gerne durch
die Natur. Er will sehen, wie sie neu geboren wird.
Denn im Winter sterben sie, die Bäume und die
Büsche. Alle Blätter sind weg und ganz kahl, wie
abgestorbene Bäume eben aussehen, stehen sie da.
Oft macht er sich darüber Gedanken, ob sie nicht
frieren, so ganz ohne Schutz, ganz nackig, in Eis und
Schnee. Er hatte auch schon mal den verrückten
Gedanken, ein großes Feuer zu zünden, damit sich
der Wald dran wärmen kann. Irgendwie ist er dann
aber doch wieder von seiner Idee abgekommen.
Vielleicht wird er es im nächsten Winter tun.
Im Frühling also, da wird dann alles ganz anders.
Die Bäume und Büsche nämlich wachen dann
wieder auf. Sie erwachen zu neuem Leben
sozusagen. Überall brechen sich kleine winzige
Knospen durch die Rinde. Er weiß, wie hart eine
Rinde ist und bewundert deswegen jedes Mal aufs
Neue die unheimliche Kraft der kleinen Knospen,
mit der sie sich durchbohren. Jedes Mal hat er den
großen Herzenswunsch alle Neuankömmlinge zu
begrüßen. Jedes Jahr aufs Neue läuft er tagelang
von Morgen bis abends durch die Landschaft und
ruft ein ums andere Mal: „Herzlich Willkommen
meine Freunde, ich freue mich euch zu sehen.“ Und
er erhält unzählige Antworten, überall ist ein Rufen
und Lachen und alle freuen sich Egon zu sehen.
Genauso wie er sich freut sie zu sehen. Egon lebt so
viele Jahre glücklich und zufrieden.
Eines Tages jedoch wird
alles ganz anders
Es klopft an seiner Haustür. Egon
ist erschrocken, so etwas gab es ja
noch nie. Was soll er tun? Soll er sich verstecken?
Soll er so tun als ob er nicht zuhause wäre? Nein,
dass alles geht nicht. Egal wer oder was da draußen
vor der Türe steht. Über kurz oder lang würde er –
sie oder es die Türe einfach öffnen. Würde Egon
weglaufen und sich in seinem Wald verstecken,
gäbe er seine Hütte frei und wenn er Pech hätte,
würde er –sie oder es, einfach einziehen und nicht
mehr verschwinden.
Der Geistesblitz kommt so schnell, dass Egon fast an
die Wand gepresst wird davon. Siedendheiß fällt
ihm der Grund ein, warum er von der Oberfläche
der Erde verschwunden ist. Seine Hässlichkeit. Er
nimmt seinen ganzen Mut zusammen, geht auf
wackligen Beinen zu Tür und reißt sie mit einem
Ruck auf. Das erste was er zu sehen bekommt, sind
zwei ellenlange Beine. Er kann durchsehen und
sieht dahinter seinen Brunnen. Komisch ist das ja
schon. Die Situation ist eindeutig zum lachen. Und
das tut er dann auch. Er lacht bis ihm der Bauch
weh tut. Die Beine fangen an sich zu bewegen. Sie
knicken in Höhe der Knie ein und werden dadurch
kleiner. Ein Bauch taucht auf, ein Oberkörper, ein
Hals und dann ein Kopf. Der Kopf gehört zu einer
Frau, das Gesicht zeigt eine gewisse Verwirrung.
Aber, irgendwas fehlt in diesem Gesicht. Er überlegt.
Ein Mund ist da, eine Nase, Augen, wunderschöne
Augen, Ohren, Stirn und Haare. Wenn er sich recht
erinnern kann, er ist ja nun doch schon einige Zeit
keinem Menschen mehr begegnet, ist alles
vorhanden, was zu einem menschlichen Gesicht
gehört. Und doch – es fehlt etwas. Etwas ganz
Gravierendes sogar. Sonst würde es ja nicht so
auffallen. Jedoch, es fällt ihm nichts ein.
Der Mund fängt an sich zu bewegen. Eine schöne
Stimme redet zu ihm. Sie erzählt ihm, dass sie hier
an diesem Ort gelandet ist und gar nicht so richtig
weiß wie sie hergekommen ist und vor allem warum
sie hier ist. Sie läuft nun schon seit einiger Zeit
durch die Gegend, hat sich von Pflanzen und Beeren
ernährt und aus seinem Brunnen Wasser
getrunken. Sie hofft, sagt sie, er ist nicht böse
deswegen. Sie will im Grunde auch nicht stören, sie
will einfach nur wissen, wo sie hier ist und sie hegt
die große Hoffnung, jemanden zu finden, der ihr
den Weg zurück in ihre Heimat zeigen kann.
Nun, dass alles klang ja recht freundlich und in
keinster Weise gefährlich. Die Gefahr, dass sie sein
Haus besetzt ist alleine schon durch ihre Größe aus
der Welt geschafft. Sie passt nämlich gar nicht rein.
Er tritt vor die Tür, sieht sich um, sieht, dass dies
keine Falle ist. Das Mädchen ist wirklich alleine und
so wie sich die Sache darstellt, sagt sie auch die
Wahrheit.
Jetzt endlich fängt er an mit ihr zu sprechen. Er
fordert sie auf Platz zu nehmen, damit sie nicht in
dieser gebückten Haltung stehen muss. Er würde sie
ja gerne in sein Haus einladen, wegen ihrer Größe
ist es leider nicht möglich. Da aber ja gottlob
Frühling ist, die Sonne scheint und das lange Gras
schon gewachsen ist, könnte man sich da
draufsetzen und hätte es gemütlich.
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